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Geschichte des Hödinger Dorftheaters

Die Geschichte des Hödinger Theaters begann am 10. Juli 1908 mit der Gründung des Militärvereins, der zunächst eigentlich gar nichts mit dem, was gemeinhin mit dem Begriff Theater verbunden wird, zu tun hatte. Das Ziel des Vereins war auch der Wunsch, neben den kirchlichen und familiären Anlässen und dem Wirtshausbesuch (der Frauen damals verwehrt war) einen gesellschaftlichen Treffpunkt im Dorf zu haben. Und so beschlossen die Mitglieder, am 6. Januar 1909 im Saal des Gasthaus "Zum Kreuz" eine "Christbaumfeier" abzuhalten.

Diese erste - uns bekannte - Christbaumfeier am 6. Januar 1909 ist zugleich auch die Geburtsstunde des Hödinger Theaters. Zwar soll nach den Erzählungen bereits schon vor der Jahrhundertwende in Hödingen Theater gespielt worden sein, doch ist dies nirgends schriftlich erwähnt.

Bis in die 20er Jahre hatten die Christbaumfeiern immer den gleichen Ablauf. Nach einem Prolog und einem Choral oder einem Weihnachtslied hielt der Vereinsvorstand eine Ansprache. Danach folgten die Theatervorführungen, meist mit einem ernsten, besinnlichen Stück zu Beginn. Im Anschluss folgte dann ein Lustspiel. Zum Abschluss der Feier wurde eine Tombola und die Christbaumversteigerung durchgeführt.

Das Spielgut vor dem I. Weltkrieg war gekennzeichnet durch einen romantischen Patriotismus und eine Verherrlichung des Soldatenlebens. Es stand ganz im Zeichen jener vaterländischen Bewegung, die im letzten Jahrhundert einsetzte und die Menschen selbst in den entlegensten Dörfern ergriff.

Während des I. Weltkrieges fanden keine Christbaumfeiern statt, die Zeiten waren für alle schwer genug.

Die erste Weihnachtsfeier nach dem Krieg fand am 26. Dezember 1919 statt. Ein Höhepunkt dieser Veranstaltung war wie früher das Theaterspiel. Allerdings hatte sich der Publikumsgeschmack nach dem langen Krieg grundlegend verändert. Die Menschen wollten keine Theaterstücke mit kriegerischem Inhalt oder mit einer Verherrlichung des lustigen Soldatenlebens mehr sehen. Der damalige Leiter des Theaters war Wilhelm Hiller.

Ab 1920 wurde die Theatergruppe des Militärvereins vom Hauptlehrer Albert Müller geleitet. Er verstand es, die Hödinger, aber auch die Nesselwanger und Überlinger für das Theater zu begeistern.

Im Herbst 1924 verließ Hauptlehrer Albert Müller Hödingen. Sein Nachfolger im Lehramt an der Hödinger Volksschule, Hauptlehrer Max Mutscheller, wurde auch dessen Nachfolger als Theaterleiter.

Nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler brachte die nationalsozialistische Kulturpolitik mit Hilfe der in 1933 und 1934 erlassenen Reichskulturkammer- und Theatergesetzgebung das gesamte deutsche Theaterleben unter ihre ideologische Kontrolle. Auch Laien- und Liebhaberbühnen waren von diesen Reglementierungen unmittelbar betroffen. Dies war auch der eigentliche Grund dafür, dass in Hödingen ab dem Jahr 1934 kein Theater mehr gespielt wurde.

Die in Hödingen aufgeführten Theaterstücke waren zwar politisch völlig harmlos. Die Nationalsozialisten waren aber offenbar bemüht, die Aufmerksamkeit der Region auf wenige große und damit besser kontrollierbare Theater umzulenken.
Auch nach dem Krieg waren zunächst keine Theateraufführungen möglich, da im Gasthaus "Zum Kreuz" ehemalige polnische Kriegsgefangene einquartiert waren.

Erst 1948 lebte in Hödingen die Theatertradition unter der Trägerschaft des Sportvereins wieder auf. Spielleiter war zunächst der Hauptlehrer Hermann Fischer. In den darauffolgenden Jahren von 1949 bis 1956 leiteten Fritz Rudat, Leo Kitt und Max Ermler die Theatergruppe.

Schwierig gestaltete sich in dieser Zeit des Mangels die Beschaffung der Requisiten. Mit einer Sondergenehmigung der französischen Kommandantur durften Josef Meßmer und Eugen Stader mit der Eisenbahn zur Papierfabrik nach Weingarten fahren, um dort das für die Bühnenbilder notwendige Papier zu besorgen. Die von einem Owinger Malermeister bemalten Papierbahnen wurden auf Dachlatten aufgeklebt; später verwendete man alte Leinenstoffe. Diese ersten Bühnenbilder wurden, teilweise übermalt, immer wieder eingesetzt.  Häufig mussten, um Kosten zu sparen, die Theaterstücke nach den vorhandenen Bühnenbildern ausgesucht werden.


Volksschauspiel "Eine Mutter betet für ihr
Kind" (1952)
Der mit Bretterboden, Holztäferung, Kanonenofen sowie Holzbänken, Stühlen und Tischen ausgestattete Saal im Obergeschoß des Gasthaus "Zum Kreuz" verbreitete eine gemütliche Atmosphäre. Im Saal fanden etwa 90-100 Personen Platz. Eine stärkere Belegung war aus statischen Gründen nicht möglich. Einige Hödinger erinnern sich noch gut daran, dass der Bretterboden bei "vollem Haus" merklich schwankte. Die Weihnachtsfeiern waren jedes mal eine regelrechte "Schaukelpartie". Der "Deserteur" 1956 war die letzte Theateraufführung im Saal des Gasthauses "Zum Kreuz". Der Kreuzwirt Karl Grünvogel ließ in den folgenden Jahren auf der Ebene des Saales mehrere Gästezimmer einbauen.

Ganz ohne Theater mussten die Hödinger dennoch nicht sein. Einmal jährlich im Januar veranstaltete der Kirchenchor einen Abend im Gasthaus "Zum Tobel", bei dem auch kurze Theaterstücke und Sketche auf dem Programm standen.

Der Neubau der Volksschule und der großen Turnhalle im Jahre 1965 erweckte das Theater in Hödingen wieder zu neuem Leben. Mit dem Krippenspiel "Stille Nacht, Heilige Nacht" wurde unter Leitung von Pfarrer Schätzle am 26.12.1966 erstmals nach 9 Jahren wieder ein abendfüllendes Stück aufgeführt. Mit dem Wiederbeginn des Theaters, übernahm auch der Turn- und Sportverein unmittelbar nach seiner Gründung 1966 auch die Verantwortung für das Theaterspiel.

In den Jahren 1967 und 1968 leitete Bruno Vogler die Theatergruppe. Ihm folgte 1969 Wendelin Strasser, der von Altheim nach Hödingen umgezogen war. Er brachte neben seinen Erfahrungen als Theaterspieler auf der Altheimer Bühne auch einige erfolgreiche Bühnenstücke mit.

Im Jahre 1978 lösten Bertram Metzger und Hermann Kitt den langjährigen Theaterleiter Wendelin Strasser ab. Mit dem Bühnenstück "S Bäsle Frieda" versuchten die beiden 1980 erstmals eine Aufführung im Hödinger Dialekt, der bis dahin auf der Bühne verpönt war. Das erste Mundartstück im heimischen Dialekt wurde vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen.


"Vorspiel auf dem
Theater" (1985)
Im November 1985 übernahm Thomas Heperle, der kurz zuvor nach Hödingen umgezogen war, die Leitung der Theatergruppe. Bevor der Vorhang geöffnet wurde, gab es, ganz in der Tradition des Vereinstheaters der 20er Jahre, einen Prolog, frei nach dem "Vorspiel auf dem Theater" aus dem "Faust" von Johann Wolfgang von Goethe.

Thomas Hepperle setzte den von Bertram Metzger und Hermann Kitt im Jahre 1980 eingeschlagenen Weg der Mundartstücke konsequent fort. Wer reden darf, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, dem fällt ein Auftritt allemal leichter und der wirkt echter, als wenn er sich in einer "fremden" Mundart versuchen muss.

Das Theater in Hödingen ist zwischenzeitlich zum "Geheimtipp" unter den Liebhabern des Mundarttheaters geworden. Die vier bis fünf Aufführungen zwischen Weihnachten und Silvester sind in kürzester Zeit bis zum letzten Platz ausverkauft.

"'S elektrisch Herz"
(1994)
Die Stücke auf der Hödinger Bühne leben nicht vom gewaltigen Theaterdonner mit Licht- und Toneffekten, sondern vor allem von den Schönheiten der Texte und den schauspielerischen Leistungen der Bühnenakteure.

Thomas Hepperle konnte zu Beginn seiner Spielleitertätigkeit auf den alten, erfahrenen Spielerstamm aus der Zeit von Wendelin Strasser, Hermann Kitt und Bertram Metzger zurückgreifen. Im Laufe der Jahre gesellten sich immer mehr talentierte Spielerinnen und Spieler zur Theatergruppe. Mit seinem Blick für die Nuancen bei der szenischen Umsetzung der Rollentexte brachte sich Wolfgang Krug zwischen 1990 und 1995 auch in die Regiearbeit mit ein.

Bereits im Jahre 1986 zeigte sich, dass die kleine Bühne im Turngeräteraum für das ausgewählte Bühnenstück ("Die Ledigensteuer") nicht genügte. Zur Theateraufführung wurde eine Vorbühne aus einfachen Holzelementen errichtet. Damit war es möglich, nahezu die gesamte Breite der Turnhalle für das Theaterspiel zu nutzen. Zur Aufführung 1990 wurde diese Vorbühne um weitere Bühnenelemente erweitert.

Die Bühnenerweiterung erforderte auch eine leistungsfähige Beleuchtungstechnik, die zunächst von anderen Bühnen im Bodenseekreis sowie von Ausstattungsfirmen ausgeliehen werden konnte. Später wurde die Turnhalle mit finanzieller Unterstützung der Stadt Überlingen mit der notwendigen Beleuchtungseinrichtung ausgestattet.


In der "Theatergarderobe"
Was wären jedoch alle technischen Einrichtungen ohne ein gutes Team hinter der Bühne. Es war ein Glücksfall, dass eine ganze Reihe von Schauspieltalenten nahezu zeitgleich mit engagierten und kompetenten Licht- und Tontechnikern, Bühnenbildnern und Maskenbildnern zusammentrafen und zusammenwirken konnten.

Rückblickend erscheint vieles als Selbstverständlichkeit. Doch diese Sichtweise täuscht. Die Erfolge der vergangenen Jahre mussten hart erarbeitet werden. Unzählige Stunden wurden von den am Theater Beteiligten eingebracht. Auch die technischen Möglichkeiten, die heute bestehen, waren nicht selbstverständlich. So wurden die damaligen Investitionsentscheidungen für die Erweiterung der Bühne und die Anschaffung einer neuen Theaterbeleuchtung vom Turn- und Sportverein nicht mitgetragen. In der Folge übernahm der Musikverein zum Weihnachtstheater 1986 die Organisation der Veranstaltung und zugleich die Trägerschaft für das Theater in Hödingen.

Die Theatergruppe ist seither eine weitgehend eigenständige "Abteilung" in den Reihen des Musikvereins. Bereits im Jahr 1987 gab sie sich den Namen "Hödinger Dorftheater".

Das Theater in Hödingen hat eine lange Geschichte. Heute ist es nicht nur Geschichte, sonder eine höchst lebendige Einrichtung, die aus dem dörflichen Leben nicht mehr wegzudenken ist.